Ist Christus wirklich in Indien gewesen?
Protopresbyter Vt. Basileios A. Georgopoulos (M.Th.)

Zu den „gottlosen und kindischen Fabeln“ (1.Tim 4,7), die erdacht worden sind, um die Allehrwürdige Persönlichkeit des Gottmenschen und Herrn in Frage zu stellen,  gehört auch diese Behauptung, dass Seine Predigten, die von einzigartigem Inhalt waren, und Seine unübertroffenen Wundertaten auf den Umstand zurückzuführen seien, dass er angeblich im Zeitabschnitt zwischen Seinem 12. und 30. Lebensjahr nach Indien reiste. Dort soll er von Brahmanen und buddhistischen Lehrern Weisheit und übersinnliche Kräfte erlangt haben, mit denen Er daraufhin Wunder vollbrachte.

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass diese Behauptung keinesfalls neu ist; sie ist sehr alt. Es handelt sich um die Ansichten von Celsus (170 n.Chr.), der sie im Rahmen seiner bekannten polemischen Schrift gegen Christus („Wahre Lehre“) anführt. Celsus glaubte jedoch dass das Land, in dem Er angeblich magisches Wissen erwarb, Ägypten war und nicht Indien.

In jüngeren Jahren ist diese absurde und jedes geschichtlichen Beweises mangelnde Hypothese über die angebliche Reise Jesu nach Indien im zweibändigen Werk „Parerga und Paralipomena, 1851“, des deutschen Philosophen Schopenhauer, und im Werk „Die Lücke im Leben Jesu, Stuttgart, 1994“, des Russen N. Notowitsch, wiederzufinden. In Folge werden wir noch weitere Namen auflisten. Diese Ansicht wird ebenfalls von K. Berna und A. Faber-Kaiser vertreten und ist von H. Kersten mit großer Begeisterung adaptiert worden (Κ. Berna- „Jesus ist nicht am Kreuz gestorben“,1957; A. Faber-Kaiser, „Jesus lebte in Indien“,1984). Außerdem sollten auch die Meinungen von J. Dirnbeck und G. Gronbold bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt bleiben ( J.Dirnbeck „Die Jesusfälscher -Ein Original wird entstellt“,1994; „Jesus in Indien. Das Ende einer Legende“,1985).

Im griechischen Raum wird diese Ansicht von drei Schriftstellern vertreten, deren Bücher außer eindrucksvollen Titel und pseudowissenschaftlichen Analysen über vermeintliche Entdeckungen und Offenbarungen nur oberflächliche Kenntnisse und Verwirrung vorzuzeigen haben.

Diese Behauptungen über die angebliche Reise Jesu nach Indien wird aber auch von einer islamischen Sekte unterstützt, die den Namen Ahmadiyya trägt, mit unterschiedlicher Zeitfolge und Inhalt der Geschehnisse. Gemäß der Ansichten dieser Sekte, sei Christus nicht am Kreuz gestorben. Er habe sich nach Seinem, ihrer Meinung nach angeblichen, Tod und der Auferstehung, nach Indien begeben und zwar genauer nach Kaschmir. Dort habe Er gelebt und gepredigt, um im Alter von 120 Jahren zu sterben. Der Sekte Ahmadiyya nach soll sich Sein Grab in Srinagar befinden (H.Gasper-J. Müller - F. Valentin, „Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen“, S. 527).

Die Unterstützer der Ansicht, dass Christus in Indien gewesen sein, konzentrieren sich hauptsächlich darauf, dass das Neue Testament über diese Zeitspanne zwischen dem Zwölfjährigen Jesus im Tempel und dem Beginn Seines öffentlichen Wirkens keine Informationen preisgibt.

Entspricht dies jedoch den Tatsachen?

Eine eingehende Untersuchung der Heiligen Schrift beweist das Gegenteil. Natürlich ist eine ausführliche Beschreibung dieser Zeitspanne des irdischen Daseins des Herrn nicht gegeben. Dies ist verständlich, wenn wir davon ausgehen, dass die Heiligen Evangelien zwar die grundsätzlich vertrauenswürdigsten Geschichtsquellen sind, wenn es sich um den Gottmenschen handelt, jedoch dennoch keine Biographien Christi darstellen. Der Evangelist Johannes bekräftigt dies, als er sich auf die Natur und den Zweck der Heiligen Evangelien bezieht (Kap.20, 3031).

Welche Geschehnisse finden im Neuen Testament Erwähnung?

Wir werden darüber informiert, dass Christus nach seiner Rückkehr von Jerusalem nach Nazaret stets in Nazaret bleibt, immer in Begleitung der heiligen Gottesgebärerin und ihres Verlobten Joseph, nachdem sich das wunderbare Ereignis des zwölfjährigen Jesus im Tempel zugetragen hatte, wo „alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antworten“ (Lk 2,47). Gemäß der heiligen Schrift „war“ Er „ihnen untertan“ (Lk 2,51). 

Der Umstand, dass Er im unwichtigen Ort Nazaret bis zum Beginn seines öffentlichen Wirkens verbleibt, wird auch von Seinen Landsmännern bestätigt. Der Herr lehrt später in der Synagoge von Nazaret und provoziert Überraschung und Verwunderung über die Weisheit Seiner Worte und die Kraft Seiner Wunder bei Seinen Landsmännern. Ihre Überraschung war so groß, gerade weil ihnen Seine Person so bekannt war. Sie wussten, dass Er bis vor Kurzem Mitglied einer einfachen Familie in Nazaret gewesen war (Mt 13, 5456; Mk 6,13). Dieses Ereignis Bekräftigt die vorherige Aussage, dass Er „ihnen untertan war“ und dass Er sich niemals von Seiner Heimat entfernt hatte, um sich angeblich belehren zu lassen oder transzendente Kräfte zu erlangen.
  Dasselbe wird auch von anderen Juden in Jerusalem bestätigt, als der Herr im Tempel auf wunderbarer Art und Weise lehrte und sie aufschrien: "Wie kommt es, dass er die Schriften so gut kennt? Er hat doch keinen Lehrer gehabt!" (Jh 7,15).

Um unsere Ausführungen bezüglich der angeblichen Reise des Herrn nach Indien in der Zeit zwischen Seinem 12. und 30. Lebensjahr abzuschließen, bleibt zu sagen und zu betonen, dass diese Behauptung rationalistischen Voraussetzungen folgt und dabei die Ansichten der Kirche über die Person des Herrn vollkommen ignoriert, die ihr von Gott offenbart worden sind. Zwischen ihnen und der heiligväterlichen Lehre der Kirche besteht demnach ein große Kluft.

Es handelt sich um ein klassisches Beispiel dafür, wie versucht wird, die Wahrheit mit willkürlichen Theorien und Phantasiegebilden zu ersetzen.

Übersetzung: Alexia Ghika- Kyriazi


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